Leseprobe Band 2 – Dornröschen lacht um Mitternacht

(Greta ist die Erzählerin)

KAPITEL 1) DRECK UND SCHRECK

„Sie ist spurlos verschwunden. Du hättest sie eben nicht aus dem Fenster werfen dürfen!“, krächzte ein Vogel.
„Vergiss doch die dumme Pute, die kommt mir nicht mehr in die Quere! Hilf mir lieber die Perlenkette suchen!“, antwortete ein Mädchen schnippisch.

Ich war in das oberste Stockwerk des Palastes, in Prinzessin Dornröschens Zimmer geschickt worden, um die hohen Fenster zu putzen. Also stand ich in einer Fensternische auf der Leiter, hielt mich mit der linken Hand am Fensterrahmen fest und bürstete mit der rechten Hand mühsam die dicke Schicht von klebrig-staubigen Spinnweben weg, die sich hier im Lauf von hundert Jahren angesammelt hatten. Tief unter mir sah ich die Bäume und Büsche, die den Schlossgraben in einen Wald verwandelt hatten. Ich beugte mich nicht einmal hinaus, trotzdem spürte ich die Angst vor einem Sturz als ein Kribbeln im Magen.

Beim Eintritt war ich in der Nische für die Besucherin nicht sichtbar, aber nach ein paar Schritten sah mich das Mädchen am offenen Fenster auf der Leiter stehen und schrie zornig: „Was hast du hier zu suchen? Verschwinde, aber schnell!“ „Seeehr schnell!“, krächzte die schwarz-weiße Elster auf ihrer Schulter.

Erschrocken zuckte ich zusammen und ließ die Bürste fallen – lautlos verschwand sie in der Tiefe. Aber zum Glück blieb ich wenigstens drinnen, weil ich mich gerade noch mit beiden Händen am Fensterrahmen anklammern konnte. Zittrig kletterte ich von der Leiter und wollte mich rechtfertigen.

Mein Onkel Gero, mein Bruder Hannes und ich – ich heiße übrigens Greta – waren erst am Montag ins Schloss gekommen, um hier bei den Hochzeitsvorbereitungen Arbeit zu finden. Ich wurde zur Putztruppe eingeteilt. Das alles wollte ich erklären, aber vor Überraschung brachte ich kein Wort heraus.

Vor mir stand eindeutig Prinzessin Dornröschen, aber sie war völlig verändert. Ich hatte am Tag zuvor einen Blick auf Dornröschen werfen können. Sie hatte mich natürlich nicht bemerkt. Ihr strahlend glückliches Gesicht, als sie mit einem kleinen Hündchen auf dem Arm neben ihrer Mutter, der Königin die Treppe herunter kam, hatte mich tief berührt. Als ich sie lachen sah, musste ich mich einfach mit ihr freuen. Ich hatte gehört, dass ihr Prinz Ariald das Hündchen zum Abschied geschenkt hatte, bevor er in sein Reich geritten war um seine Eltern für die Hochzeitsfeier ins Schloss zu holen.

Und nur einen Tag später funkelte mich diese Prinzessin wütend an, die Mundwinkel zogen sich verbissen nach unten. Sie wirkte viel älter und ich spürte eine eisige Bedrohung. Ich begriff nicht, warum sie so schrecklich verwandelt war. Vor dieser Person musste man sich ja fürchten! Die Elster neigte den Kopf und beobachtete mich.

„Raus hier und nimm das lästige Vieh gleich mit!“, schrie Dornröschen. Sie griff unter das Bett und zog das winselnde Hündchen hervor, das sie vor kurzem noch liebevoll umarmt hatte. Mit dem Fuß schob sie es zu mir herüber. Ich packte Kübel und Lappen und flüchtete aus dem Zimmer.

Der junge Hund hatte es genauso eilig, von hier wegzukommen. Als ich die Türe hinter mir schließen wollte, hörte ich gerade noch:

„Glaubst du, sie hat unser Gespräch gehört?“
„Das ist doch ganz egal, was sollte denn diese Staubwedlerin damit anfangen!“

Ich verstand die Welt nicht mehr. Wie konnte sich die Prinzessin praktisch über Nacht so furchtbar verändern?